Gradiente
Intermittierende
Kompression

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Die intermittierende pneumatische Kompression

Von den Anfängen bis heute

Die intermittierende pneumatische Kompression gehört neben der Anwendung von Bandagen und Kompressionsstrümpfen seit Jahren zum Standard der physikalischen Behandlung venöser und lymphatischer Erkrankungen.


Durch zahlreiche Studien, in denen die nachhaltige Effizienz nachgewiesen wurde, konnte sie ihren Stellenwert in den vergangenen Jahren immer mehr vergrößern.


Auch das Indikationsgebiet dieser Therapieform hat sich enorm erweitert.

BÖSL Archiv Saug- und Treibpumpe Paris 1834
Saug- und Treibpumpe
Paris 1834
BÖSL Archiv Apparatur zur Hochdruckmassage
Abb. 1
Apparatur zur Hochdruckmassage
Kassel 1909
BÖSL Archiv
Abb. 2
Hammesfahr, 1929

Zur Geschichte

Die erste bekannte Veröffentlichung über die Anwendung der pneumatischen Behandlung von Extremitäten stammt aus dem Jahre 1834. Es handelte sich um eine „Saug- und Treibpumpe”, als Saugpumpe zur „Erzeugung einer reaktiven Hyperämie” und als Treibpumpe zur „Verminderung des Volumens der Glieder”.

 

Einen weiteren Ursprung der apparativen Therapie mit rhythmischer Kompression finden wir in der Quecksilbermassage. Hofmeister empfahl 1902 zur Behandlung von Armödemen das Eintauchen der erkrankten Extremität in einen mit Quecksilber gefüllten Eisenzylinder. Unter der Bezeichnung „Hochdruckmassage” entstand 1909 in Kassel erstmalig eine Apparatur (Abb.1), mit einer sich im Wechsel füllenden und entleerenden Behandlungsmanschette.
Im Jahre 1929 beschrieb Hammesfahr (Magdeburg) ein sich rhythmisch füllendes und entleerendes „Luftkissen” (Abb. 2), welches er zur „mechanischen Unterstützung des peripheren Kreislaufes und zur Verhütung von Thrombosen“ einsetzt. Schede (Leipzig) beschreibt 1929 die modifizierte Gefäßmassage und 1932 seinen ersten Kompressionsstiefel.

 

Die erste kommerzielle Herstellung von Ein-Kammer-Luftsystemen entstand in den 60er Jahren in den USA durch Conrad Jobst (Erlangen). Diese Behandlungsmethode war Jahre lang Therapiestandard (Abb.3).

 

Durch den größeren Therapieeinsatz und aufgrund vieler Anregungen der Medizin entwickelte sich in der Folge ein neuer Gerätetyp, das „Mehr-Kammer-System”. Die Behandlungsmanschetten bestehen dabei aus mehreren Luftkammern, die fest miteinander verbunden sind
(Abb. 4).

 

BÖSL Archiv Querschnitt Ein-Kammer-System
Abb.3
Querschnitt Ein-Kammer-System.
Es wird in die Tiefe komprimiert.
BÖSL Archiv Querschnitt Mehr-Kammer-System
Abb.4
Querschnitt eines herkömmlichen Mehr-Kammer-Systems
Die Kammern werden nacheinander aufgepumpt.

BÖSL Archiv Querschnitt Mehr-Kammer-System überlappend
Abb.5
Querschnitt eines Mehr-Kammer-Systems mit überlappenden Luftkammern
Die sich überlappenden Luftkammern bewirken eine gleitende Druckwelle mit hoher Effizienz.
Grafik BÖSL – Wirkprinzip

Wirkungsweise und Indikationen

Das Funktionsprinzip der gradienten intermittierenden Kompression zielt nicht nur auf pure Reabsorbtion von Ultrafiltrat in das venöse System, sondern leitet resorbierte Proteine im Lymphsystem weiter. Durch den gradienten Druckaufbau kommt es zur Weiterleitung im Interstitium (Zwischenzellraum) von distal in proximale Regionen (Anastomosenbildung), in welchen gesunde Gefäße zur Aufnahme vorhanden sind. Der venöse und lymphatische Abfluss wird wesentlich verbessert. Am Bein wird die Wadenmuskelpumpe passiv simuliert. Die Steigerung der Fließgeschwindigkeit des venösen Blutes wirkt zudem antithrombotisch. Auch eine Erhöhung der fibrinolytischen Aktivität im Blut und in der Venenwand, eine Erniedrigung des Hämatokrits und ein Anstieg des Gerinnungsfaktors VIII sowie des antikoagulatorisch wirksamen Protein C wurde nach Anwendung der apparativen intermittierenden Kompression nachgewiesen. Bei chronischer Veneninsuffizienz kommt es zu einer verbesserten kutanen Mikozirkulation.

 

Indikationen für die apparative intermittierende Kompression sind die ausgeprägte, chronisch venöse Insuffizienz und das Lymph- bzw. Lipödem. Aber auch die peri- und postoperative Thromboseprophylaxe stellen ein wichtiges Einsatzgebiet dieser Therapieform dar. Verschiedene andere Erkrankungen, die mit einer ödematösen Schwellung von Extremitäten einhergehen, können ebenfalls mit der apparativen intermittierenden Kompression behandelt werden (Tab.1).

 


Kontraindikationen bilden akute oberflächliche und tiefe Thrombophlebitiden, entzündliche Hautveränderungen (mit Ausnahme des Ulcus cruris) sowie die dekompensierte Herzinsuffizienz wegen der zusätzlichen Volumenbelastung des Herzens durch die Mobilisierung von Ödemflüssigkeit (Tab.1).

 

Die Systeme zur IPK bestehen aus einem Kompressor und den Behandlungsmanschetten. Am Kompressor werden die Therapiedauer, der gewünschte Behandlungsdruck und die Pausenzeit eingegeben.

Therapiert wird nach den individuellen Bedürfnissen der Patienten, mehrmals pro Woche. Begonnen wird oft mit einem niedrigen Behandlungsdruck, der, je nach Verträglichkeit, langsam gesteigert werden kann. Eine verordnete Heimtherapie macht den Patienten unabhängig und ermöglicht auch die Therapie am Wochenende, Urlaub etc..

 

Das 12-Stufen-Gradient-System hat sich über die letzten Jahrzehnte zum Therapiestandard für IPK- Mehrstufengeräten entwickelt und ist für alle Einsatzgebiete der apparativen intermittierenden Kompression geeignet. Erhältlich sind Arm-, Bein-, Hüft- und Hosen-Manschetten.

 

Der lympha-mat® ist so konzipiert, dass mit zwei oder sogar drei Behandlungsmanschetten zeitgleich therapiert werden kann. lympha-mat® GRADIENT ist ein anerkanntes Hilfsmittel, verschreibungsfähig und in der Praxis nach EBM/GOÄ 30401 abrechenbar.

 

Indikationen

  • Thromboembolie-Prophylaxe
  • postthrombotisches Syndrom
  • Ulcus cruris
  • venöse Ödeme
  • posttraumatische Ödeme
  • Lymphödeme
  • Lipödeme
  • Ödem-Mischformen
  • periphere arterielle Verschlusskrankheit
    unter strenger Kontrolle
  • sensorische Störung bei Hemiplegie

Kontraindikationen

  • dekompensierte Herzinsuffizienz

  • ausgedehnte Thrombophlebitis, Thrombose oder Thromboseverdacht

  • Erysipel

  • schwere, nicht eingestellte
    Hypertonie

  • akutes Weichteiltrauma der Extremitäten

  • Neuropathie

  • okkludierende Prozesse im
    Lymphabstrombereich

  • Kompartmentsyndrom

  • Akute Phlegmone

Tab. 1